Samstag, 30. März 2013

Siem Reap nach Bangkok



Oder im Backpacker-Jargon: „A bus ride from hell“. So betiteln für gewöhnlich die Rucksackreisenden ihre schrecklichsten Busfahrten. Manchmal erscheint das viel zu übertrieben und manchmal ist es durchaus angebracht. Wir haben uns gedacht, wenn man mehr als doppelt so lang wie geplant unterwegs ist, einem so heiß ist, dass die Kleider am Körper kleben, bei einem Überholvorgang um sein Leben fürchtete, sich mindestens einer übergeben hat, einmal in die falsche Richtung abgebogen ist und es fast zu Handgreiflichkeiten kam, dann kann man seinen Blogeintrag ruhigen Gewissens so nennen. Das ist die Geschichte unserer vorerst letzten Busfahrt in Südostasien, die uns nochmal so einiges geboten hat.

Da übermorgen unser Flug von Bangkok nach Bali geht und wir mit etwas Wehmut das südostasiatische Festland verlassen werden, haben wir für heute ein Busticket von Siem Reap in die thailändische Hauptstadt gebucht. Die Busgesellschaft heißt „Gold VIP Bus“ und hätte sich abwegiger nicht nennen können. Laut Fahrplan sollte unser Bus mit komfortablen zurücklehnbaren Sitzen und Klimaanlage um 06:30 Uhr abfahren und um 12:30 Uhr in Bangkok ankommen. Sogar WiFi sollte es während der Fahrt geben. Das Ticket kostet 12 $ pro Person.

Um 06:00 Uhr wurden wir von einem TukTuk am Hotel abgeholt. Das hieß, dass wir um 5:00 Uhr aufgestanden sind, die Rucksäcke gepackt, den schlafenden Mitarbeiter an der Rezeption geweckt hatten und dieser ein Abschiedsfoto von uns gemacht hat. Von Roel und Leoni haben wir uns schon am Vorabend verabschiedet. Für die beiden geht es weiter nach Battambang im Süden von Kambodscha und dann über Bangkok vielleicht nach Laos. Auf dem Weg zur Bushaltestelle haben wir dann noch zwei weitere Reisende abgeholt und saßen mit vier Personen und acht Rucksäcken über uns im kleinen Anhänger des TukTuks. An der Bushaltestelle war erst einmal Warten angesagt. Der TukTuk-Fahrer war damit beschäftigt, nach und nach mehr Fahrgäste aus der Stadt hierher zu bringen, so dass um 06:30 Uhr natürlich noch kein Bus abfahrbereit an der Straße stand. Und auch um 07:00 Uhr noch nicht. Um 07:15 Uhr kam dann kurzzeitig Euphorie unter den Wartenden auf, als ein Bus vor uns stoppte, aber die hielt nicht lange an. Es war ein „sleeping bus“ vermutlich aus Phnom Penh, aus dessen durchwühlte Liegeflächen verschlafene Backpacker in Pyjamas herauskrochen und sich zu uns Wartenden gesellten, während der Bus wieder verschwand. Um 07:30 Uhr warteten wir immer noch in der stärker werdenden Sonne. Unmut breitete sich aus. Man fragte sich, warum man eigentlich so früh aufgestanden ist, während die „leitende Mitarbeiterin“ in der „Gold VIP Bus“-Zentrale mit drei verschiedenen Handys und einem Festnetztelefon hektisch herumtelefonierte. Kein gutes Zeichen. Und um 08:30 Uhr, laut Plan sollten wir jetzt an der Grenze sein, gab es die Bestätigung: Unser eigentliche Bus ist irgendwo mit einem Schaden liegengeblieben. Vor uns stand nun ein muffiger „sleeping bus“, der statt der aufrechten Sitzplätze durchwühlte und nicht mehr allzu saubere Liegeflächen hatte. Wobei die Leute, die unten liegen mussten, so wie wir, kein Fenster zum rausgucken haben. 


Sich zu beschweren war sinnlos und so wurden unsere Rucksäcke reingeworfen und wir sind eingestiegen. Immerhin fuhr der Bus jetzt los.

Nur um fünf Minuten später wieder anzuhalten. Wir mussten nämlich noch tanken. Es verging also eine weitere Viertelstunde bis wir endlich aus Siem Reap rausfahren konnten. Unterwegs wurden ein paar Dinge schnell deutlich: dass die Klimaanlage so gut wie gar nicht funktionierte und draußen über 35 Grad herrschten, dass wir die meiste Zeit auf der holprigen Gegenfahrbahn fuhren und dass die zwei wütenden Tschechen hinter uns für den Rest des Tages nicht aufhören würden, zu fluchen. Die beiden beschlossen außerdem, die hintere Dachluke zu öffnen und so die Klimaanlage endgültig zum Erliegen zu bringen. Als einer der zwei Busfahrer nach hinten kam, um die Luke wieder zu schließen, vertrieben sie ihn wieder mit gefletschten Zähnen.

Aber obwohl wir uns wie in einer Konservendose, die ordentlich geschüttelt wird, fühlten, funktionierte die GPS-Ortung mit unserem Handy. Und das war auch gut so, denn während sich Christina mit ein paar Folgen Gilmore Girls in eine andere, bessere Welt träumte, stellte Walter erstaunt fest, dass wir auf halbem Weg zur im Westen liegenden Grenze plötzlich nach Süden Richtung Meer abbogen. Laut Karte konnte das auch nicht ein anderer Weg zur Grenze sein. Wir entfernten uns sogar wieder von Thailand und steuerten die Stadt Battambang an. Wollen die dort noch weitere Fahrgäste abholen? Nicht ganz abwegig, schließlich dachten die Leute, die heute Morgen aus dem „sleeping bus“ aus Phnom Penh ausgestiegen sind und jetzt mit uns mitfahren, dass sie eine Direktfahrt nach Thailand gebucht hatten und nicht noch in Siem Reap anhalten und sogar umsteigen würden.

Walter kriecht also aus seiner Konservendose hervor und kämpft sich durch den mit Füßen zugehangenen Gang nach vorne zu den beiden Busfahrern durch. „Djum riap sua! Do you speak English?“ Ein böser Blick und ein barsches „Driver - NO – ENGLISH!!“ kommt zurück. Es erscheint aber eher so, dass der driver bloß keine Lust hat, Englisch zu sprechen. Mit Händen und Füßen gibt Walter den beiden zu verstehen, dass wir gerade in Richtung Süden fahren und nicht wie vorgesehen zur kambodschanisch-thailändischen Grenze im Westen. „I want to go to Bangkok, Thailand! But this is the road to Battambang!“ Ungläubige Blicke. „You want to go to Battambang?!“ „NO! I want to go to Bangkok! But we are going to Battambang!“ Kopfschütteln. „This is the road to Bangkok!“ „NO, this is the road to Battambang! We are going the wrong direction!“ Die beiden Busfahrer wollten das weiterhin nicht glauben und so ging das eine Weile hin und her, bis der Fahrer tatsächlich am Straßenrand anhielt und der andere ausstieg und einen Passanten fragte. Und siehe da, er steigt wieder ein, spricht ein paar Sätze auf Khmer mit seinem Kollegen, beide lachen sich kaputt und der Fahrer dreht den Bus und fährt wieder zurück. Keine Sorge, jetzt würden wir wieder in Richtung Bangkok fahren, bekommt Walter zu hören. Bleibt die Frage, wie lange wir wohl in die falsche Richtung gefahren wären, bevor die beiden es selbst gemerkt hätten.

Und so sind wir immerhin wieder auf dem richtigen Weg und nur noch 30km von der Grenze entfernt, als wir mit einem Schaden am Bus in einem kleinen staubigen kambodschanischen Dorf liegen bleiben.



Wir haben Glück im Unglück, denn im Laden nebenan verkauft eine nette Frau kalte Getränke an alle Fahrgäste und stellt die Toilette in ihrem Haus den gestrandeten Reisenden zur Verfügung. Derweil hat sich der Busfahrer sein Hemd ausgezogen, routinemäßig den Werkzeugkasten aus einem Schließfach geholt und sich für die nächste halbe Stunde vorne unter den Bus gelegt.


Als er wieder hervorkam war der Bus fahrtüchtig und wir legten die letzten Kilometer bis zur Grenze ohne weitere Zwischenfälle zurück. Der Grenzübergang von Poipet ist zwar eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Kambodscha und Thailand, aber wie ein LonelyPlanet sicher sagen würde „not a particularly inspiring place.“ 


Beim Aussteigen erhalten wir von einem neu aufgetauchten Kambodschaner einen goldenen kleinen Aufkleber, den wir gut sichtbar auf unserem T-Shirt anbringen sollen. Auf der anderen Seite würde uns damit schon jemand wieder aufsammeln. Die nächste Stunde verbringen wir mit unseren Rucksäcken in der Schlange vor der Ausreisekontrolle und um 12:30 Uhr, als wir laut Plan eigentlich in Bangkok ankommen sollten, standen wir in der Schlange vor der Einreisekontrolle. 


Nicht jeder hat die heiße Fahrt bis hierhin gut überstanden und prompt übergibt sich einer unserer Mitreisenden aus dem Bus, kurz bevor er vor den Einreisebeamten treten muss. Wir warten eine weitere Stunde bis es wieder „Sawadie khap!“ heißt und der nächste Stempel in unsere Reisepässe gedrückt wird. Das wir jetzt wieder auf thailändischem Boden sind heißt jedoch nicht, dass es zügig weitergeht. Hundert Meter hinter der Grenze müssen wir zunächst mit den anderen auf ein paar Plastikstühlen unter einem provisorischen Zelt Platz nehmen und, wer hätte es gedacht, warten. 



Informationen sind an dieser Stelle Mangelware. Stattdessen werden mit einem Filzstift Nummern auf unsere goldenen Aufkleber geschrieben. Ein paar Leute werden abgeholt, die auf die Insel Ko Chang im Süden weiterreisen wollen. Es dauert wieder 60 Minuten bis wir aufstehen dürfen. Wie eine Schar Gänse laufen wir einem Thailänder hinterher, der ein paar Mal lustlos „Bangkok, Bangkok“ ruft.

Wir gehen 500m die Straße runter, sehen ein Dutzend Minivans vor uns parken und dürfen endlich … erstmal wieder im Schatten Platz nehmen. 


„Five more minutes!“, dann sei unser Minivan da. Vermutlich hat er sich bloß versprochen und wollte „30 more minutes“ sagen, denn solange dauerte es, bis ein Wagen angerauscht kam, in den sich die Glücklichen mit den Nummern 1 bis 14 auf ihren Aufklebern hineinzwängen durften. 14 Passagiere zuzüglich Rucksäcke. 


Wir gehörten nicht dazu. Die Stimmung unter den Verbliebenen wurde immer gereizter, als der für uns zuständige Thailänder auf die Frage, wann wir denn endlich abgeholt werden würden, allen Ernstes mit „five more minutes“ antwortete. Weitere Nachfragen bügelte er genervt ab, als ob wir ihn die ganze Zeit haben warten lassen. Eine erneute halbe Stunde nachdem die ersten 14 Leute abgeholt wurden, also nachdem wir drei bis vier Stunden an der Grenze zugebracht hatten, erschien unser Wagen auf der Straße. Wir und fünf andere Fahrgäste sitzen schon im Minivan als draußen ein handfester Streit ausbricht. Es scheint, dass einer der Backpacker, der mit einem anderen Bus zur Grenze gekommen ist, seinen Aufkleber verloren hat und der Thailänder ihn auf keinen Fall mitfahren lassen möchte, weil er offensichtlich nicht bezahlt habe. Er wird sauer, seine Freunde werden sauer, die Thailänder werden sauer und es werden wüste Beleidigungen und Drohungen ausgetauscht. Schließlich beschließen auch seine Freunde, nicht mitzufahren, der Thailänder schlägt die Minivantür zu und gibt unserem Fahrer die Anweisung, nur mit uns sieben nach Bangkok abzufahren.

Ab hier geht alles plötzlich ganz schnell. Unser Fahrer hat wohl beschlossen, die Zeit, die wir bislang verloren haben, auf den Straßen von Thailand wieder aufzuholen. Die Landschaft, der Verkehr und unser Leben zieht an uns vorbei und ehe wir uns versehen, tauchen die in der Dunkelheit hell beleuchteten Hochhäuser Bangkoks auf. Es tut irgendwie gut, das erste Mal auf unserer Reise an einen Ort zurückzukommen. Noch dazu in die Hauptstadt Thailands, die nach den Tagen in Laos, Vietnam und Kambodscha noch mehr wie eine westliche Großstadt auf uns wirkt.

Um 20:30 Uhr steigen wir in der Khaosan Road aus, nehmen ein Taxi zu unserem Hotel, das näher zum Flughafen liegt, und können um 21:30 Uhr endlich einchecken; neun Stunden nach unserer planmäßigen Ankunft und 16 ½ Stunden nachdem wir aufgestanden sind.

Nach sieben ereignisreichen Reisewochen sind wir also wieder in Bangkok angekommen. Übermorgen am 01. April geht es dann mit dem Flieger über den Äquator auf die indonesische Insel Bali. Und erstaunt stellen wir fest, dass morgen ja Ostersonntag ist. Na dann, frohe Ostern!

Fazit Tag 87:

Wo Gold VIP draufsteht, ist nicht Gold VIP drin.

Was haben wir heute gelernt? Die thailändischen Minivan-Fahrer sind die Cowboys des modernen Straßenverkehrs.

1 Kommentar:

  1. Eine unglaubliche Story! Wo in aller Welt wärt ihr jetzt, wenn ihr euch nicht mit Handy, Internet, GPS orientieren könntet? Zeitversetzte Informationen haben für uns "Reisebegleiter" durchaus etwas Positives...el Golfo

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