Mittwoch, 20. März 2013

Saigon - Tage 2, 3 und 4

Der zweite Tag in Saigon beginnt wie der erste aufgehört hat: betäubend heiß. Sobald man aus dem klimatisierten Hotel tritt, muss man seine Bewegungen verlangsamen und sich von Schatten zu Schatten fortbewegen. Es scheint, dass wir Ausländer die einzigen Verrückten sind, die sich zu Fuß durch den Verkehr wühlen. Das hindert uns allerdings nicht daran, unseren Stadtspaziergang fortzuführen.


Dafür gehen wir zum Hôtel de Ville, dem ehemaligen Rathaus. Zwischen 1901 und 1908 errichtet ist das weiße Gebäude mit dem roten Dach ein tolles Fotomotiv und ein weiteres Wahrzeichen der Stadt. Heute residiert hier das Volkskomitee und verbietet Touristen leider den Zutritt. Vor dem Rathaus steht eine große Statue von Ho Chi Minh, die ihn mit einem kleinen Kind zeigt. 


Unsere nächste Station ist die Notre-Dame Kathedrale. Die neoromanische Kirche wurde zwischen 1877 und 1883 gebaut, wobei das Material aus Frankreich herangeschifft wurde. 


Neben der Kathedrale befindet sich das Hauptpostamt im französischen Stil nach einem Entwurf von Gustave Eiffel errichtet. Vom Hauptpostamt laufen wir in den Park des 30. April, der zum großen Wiedervereinigungspalast aus den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts führt. 


Der Palast war während des Vietnamkrieges die Residenz des südvietnamesischen Präsidenten und Schauplatz des symbolischen Ende des Krieges, als am 30. April 1975 ein nordvietnamesischer Panzer durch das Gittertor auf das Gelände brach. 


Hier beenden wir unseren Spaziergang und kühlen uns bei einem Mittagessen und Eiskaffee in klimatisierter Umgebung ab.


Am Nachmittag besuchen wir Chua Ngoc Hoang, die Pagode des Jadekaisers. 


Das vielleicht wichtigste Heiligtum der Stadt ist in unserem Reiseführer als Gläubigen- und Touristenmagnet beschrieben, wobei wir den Touristenscharen nicht begegnet sind. In der Pagode werden taoistische, konfuzianische und buddhistische Bildnisse verehrt. Sie wurde 1900 von Kanton-Chinesen errichtet. Die Jadekaiserpagode ist unserer Meinung nach die interessanteste und vielseitigste Pagode, die wir besucht haben. 


Wenn man das Gelände vor dem Tempel betritt, bemerkt man sofort eine eher zweifelhafte Besonderheit dieses Heiligtums. Mehrere Frauen verkaufen kleine Schildkröten an die Besucher. Geht man ein paar Schritte weiter, versteht man warum. In einem kleinen Teich vor der Pagode schwimmen und sonnen sich unzählige Artgenossen. Gläubige Chinesen kaufen die Tiere, die ein Symbol für langes Leben sind, schreiben ihren Namen auf den Panzer und setzen sie in dem Teich aus.

Betritt man die Pagode, passiert man zunächst den Erdgott und Türgott und gelangt in den Vorraum, in dem Shakyamuni, der historische Buddha verehrt wird. In der Haupthalle steht der Namensgeber der Pagode, der von seinen vier Wächtern beschützt wird. Der Jadekaiser, die höchste Gottheit des Taoismus (eine chinesische Philosophie und Weltanschauung), gilt als Wächter des Tors zum Himmel.


Um eingelassen zu werden, muss man ein Leben voller Verdienste geführt haben. War dies nicht der Fall, kann man gleich in die Halle links der Haupthalle gehen und sich dort die zehn Höllen angucken, die als geschnitzte Holzbildnisse die verschiedenen Bestrafungen darstellen. Die mit dem Duft von Räucherstäbchen gefüllte Luft und die vor den Statuen eindringlich betenden Gläubigen schaffen eine eindrucksvolle Atmosphäre. Wir können den Besuch der Pagode weiterempfehlen.

Exkurs: Verkehr in Vietnam. 90 % der Verkehrsteilnehmer sind hier nicht Autos, nicht Fußgänger, nicht Fahrradfahrer, nicht Lastwagen und auch keine Schubkarren: sondern Mopeds / Motorroller. Schätzungen zufolge gibt es 8 Mio. Exemplare davon in dieser Stadt. 


Sie bilden in den Straßen einen steten Strom aus hupenden und wild durcheinander fahrenden motorisierten Zweiräder. Ampeln sind nicht wie Ampeln, wie wir sie kennen. Ampeln sind hier eher wie Empfehlungen zu verstehen. Ein rotes Licht bedeutet, dass etwa 60-70 % der Mopeds auch anhalten, während der Rest weiter über die Kreuzung fährt. Sollte mal die Kreuzung verstopft sein, weil tatsächlich zu viele Mopeds an der roten Ampel halten, kann man auch einfach auf den Bürgersteig fahren und hinter der Ampel wieder auf die Kreuzung biegen. Fahrspuren gibt es keine, es wird gefahren, wo gerade Platz ist. Wenn man sich in den Verkehr einfädelt oder vom Straßenrand losfährt, dann guckt man auf keinen Fall nach hinten. Man fährt einfach los, denn die von hinten kommenden Mopeds müssen einfach laut hupend ausweichen. Und sollte man links abbiegen müssen und die rechte Spur ist aber mit zu vielen Verkehrsteilnehmern blockiert, dann fährt man eben die ersten Hundert Meter auf der Gegenfahrbahn und wechselt auf die rechte Spur, wenn sich endlich die Gelegenheit bietet. Besonders interessant wird es, wenn Fußgänger, zumal wenn sie ausländische Touristen sind, die Straße überqueren wollen. Der Verkehr hört nie auf, die Mopeds halten niemals an. Das bedeutet, dass man lernen muss, einfach auf die Straße zu treten und sich mit langsamen Schritten nach vorne zu bewegen. Die heranbrausenden Mopeds teilen sich wie von Wunderhand gelenkt vor einem und fahren rechts und links vorbei. Als Anfänger ist es vielleicht leichter, Straßenüberquerungen mit geschlossenen Augen zu machen. Um einen Eindruck davon zu vermitteln (und den Bitten aus der Heimat nachzukommen), haben wir ein kleines Video von einer dieser Straßenüberquerungen gemacht und hoffen, dass es die Situation einigermaßen realistisch verdeutlicht:


Am 19.3., unserem dritten Tag in Saigon, haben wir eine Tour ins Umland gebucht. Unser Ziel sind die sog. Cu Chi Tunnel. Dabei handelt es sich um ein Tunnelsystem etwa 25km nordwestlich von Saigon, das 220km lang ist und während der Kriege gegen die Franzosen und vor allen Dingen gegen die Amerikaner als Unterschlupf und Guerillakriegsschauplatz gedient hat. Über Jahre haben Widerstandskämpfer und ihre Familien dort unter der Erde gelebt und von dort aus gekämpft.

Wegen des günstigen Preises und der organisierten Anreise buchen wir eine Tour bei einer Reiseagentur. Die Abholung am frühen Morgen gerät allerdings zu einer kleinen Odyssee. Wir steigen in den Bus, fahren dann weitere 30min scheinbar ziellos durch unser Viertel, sammeln den einen oder anderen Gast ein, nicht ohne noch weitere drei Mal an unserem Hotel vorbeizufahren. An einem Sammelplatz lässt der Busfahrer unseren Reiseführer aussteigen, der ohne etwas zu erklären verschwindet. Der Bus setzt sich jedoch wieder in Bewegung und wir fahren eine weitere Viertelstunde durch die dicht befahrene Stadt. In einer kleinen Seitenstraße halten wir an und diesmal verschwindet unser Busfahrer. Wir sehen ihn ein paar Schritte die Straße entlang laufen und dann in einem kleinen Lokal erstmal etwas frühstücken. Zehn Minuten später, und scheinbar gesättigt, kommt er wieder und wir fahren zurück zur Sammelstelle. Dort taucht unser Reiseführer auf und gibt uns zu verstehen, dass wir leider den Bus wechseln müssen. Unsere schönen Plätze ganz vorne sind dahin und wir landen in einem bis auf den letzten Sitzplatz gefüllten anderen Bus. Dafür geht jetzt endlich die Fahrt zu den Tunneln los.

Die Fahrt dauert allerdings länger als erwartet, da der Verkehr mittlerweile stark angeschwollen ist und wir etwas außerhalb der Stadt noch drei weitere Touristen mit Koffern einsammeln, die auf dem Beifahrersitz und zwei Notsitzen Platz nehmen, während der Reiseführer für den restlichen Weg auf den Koffern im Gang sitzen bleibt. Außerdem halten wir noch an einer kleinen Steinwerkstatt in einem Industrievorort, in der wir nach einer 120sekündigen Führung durch die Werkstatt in einen riesigen Andenkenshop geführt werden.

Nach dem wir das Cu Chi-Tunnel Gelände betreten haben, wird uns zu Beginn ein Propaganda Film aus dem kommunistischen Nordvietnam von 1967 gezeigt. 


Heroische Musik, die das Leben im Dunkeln unter der Erde fröhlich untermalt, und lachende Gesichter beim Bau von Waffen oder Anlegen von Dschungelfallen sollen die Menschen im Süden dazu animieren, dem Guerillakrieg beizutreten. Es wird die Intelligenz der Einheimischen gepriesen, mit einfachen Mitteln effektive Tötungswerkzeuge herzustellen. Einen besonderen Lob erhalten Kinder und Frauen, wenn sie es geschafft haben, mehrere Soldaten des Feindes zu töten. Einseitige Geschichtsschreibung und verfälschte Wiedergabe der Realitäten at its best.


Danach zeigt uns unser Reiseführer, der einem kaum Informationen über den Vietnamkrieg geben kann, die kleinen Tunneleingänge und erklärt, wie die Menschen bis zu 8m unter der Erde gelebt haben. Die Tunnel waren Wohnungen, aber gleichzeitig auch versteckte Angriffswege, um hinter die Linien der feindlichen Truppen zu kommen und unerwartete Nadelstiche zu setzen. 


Ausführlich werden die verschiedenen tödlichen Fallen dargestellt, die sich die Widerstandskämpfer ausgedacht haben, um die Amerikaner im Dschungel zu stoppen. 


Von den Fallen geht es zu einem Schießstand, an dem unser Reiseführer die Leute dazu ermuntert, selbst einmal mit einer AK-47 zu schießen. Ein Schuss 5 $. Ein zweifelhaftes Vergnügen, wenn man sich überlegt, was sich vor wenigen Jahrzehnten an dieser Stelle abgespielt hat. Wer nicht schießen will, der darf unter einem Höllenlärm nebenan an einem kleinen Kiosk eine Pause machen. Bevor wir wieder in die Stadt zurückfahren, können wir uns noch hautnah ein Bild vom Leben in den Tunneln machen. Wer keine Platzangst hat (das trifft auf einen von uns beiden zu), der kriecht unter der Erde einen bis zu 100m langen Gang entlang, der zwar ziemlich eng ist, aber bereits für westliche Touristen etwas vergrößert wurde.

Zurück in Saigon fragen wir uns, ob das heute eigentlich ein mieser Ausflug war. Der Reiseführer war nicht besonders sympathisch, dafür konnten wir günstig zu den Tunneln kommen, die eigentlich ganz interessant sind. Leider ist die Anlage nicht besonders informativ gestaltet und der Schießstand scheint fehl am Platz. Wahrscheinlich ist so ein Tourausflug der einfachste Weg, die Tunnel zu sehen.

Wir haben uns vom Busfahrer am Kriegsrelikte Museum herausgelassen, das wir den Nachmittag besichtigen wollen. Es ist das meistbesuchte Museum der Stadt und bestimmt auch das aufwühlendste. Im Inneren verdeutlichen drastische Bilder und Texte die Brutalität des Vietnamkrieges und insbesondere die von den Amerikanern verrichteten Gräueltaten. 


Der frühere Name des Museums war „Museum der amerikanischen und chinesischen Kriegsverbrechen“, wurde jedoch geändert, um mehr Besucher anzulocken. Leider ist die Ausstellung immer noch sehr einseitig, Gewalttaten der nordvietnamesischen Armee und des Vietcong werden überhaupt nicht erwähnt. Trotzdem lohnt sich unserer Meinung der Besuch, der uns tief bewegt hat und den einen oder anderen auch verstört zurücklässt. Das Ausmaß der unmenschlichen Kriegsführung der Amerikaner, der Einsatz von Napalm, Folter oder Agent Orange, ist erschütternd.


Der nächste Tag ist der 20.03. und unser letzter vor der Abreise aus Saigon. Wir schlafen uns mal wieder aus und verbringen die brütende Mittagshitze in einer wohl klimatisierten Bäckerei. Der Erfinder von Klimaanlagen muss ein reicher Mann sein. Wir haben die Bäckerei aus einem ganz bestimmten Grund aufgesucht: Es soll hier deutsches Brot geben! Die Auswahl ist zwar nicht besonders groß, aber wir finden trotzdem ein Roggen-Vollkorn-Brötchen. Obwohl es eher die Größe eines Laib Brots hat, lässt sich Christina das ganze Stück zum Frühstück belegen.


Heute steht nicht viel auf dem Programm. Zunächst fahren wir mit einem Taxi ins chinesische Zentrum von Saigon, Cho Lon. 


Es gibt einen großen Markt und viele Pagoden. Mehr als eine halbe Million chinesische Auswanderer leben hier. Entsprechend voll und hektisch geht es zwischen den vielen Geschäften und Händlern zu. Das Viertel ist lebendig, was aber auch bedeutet, dass es dreckig, laut und anstrengend ist. Besonders bei dem heißen Wetter.


Aus diesem Grund haben wir uns für den Abend ein entspanntes Kontrastprogramm ausgedacht. Es geht nämlich an die Sheraton Roof Top Bar im 23. Stock, wo man die vielleicht beste Aussicht auf Saigon genießen kann. 


Der Eintritt ist kostenlos, der Blick fantastisch und die Preise für Getränke und sehr leckere Snacks teuer, aber noch bezahlbar. Außerdem weht einem ein angenehm kühler Wind ins Gesicht. Von hier oben können wir uns wunderbar von dieser quirligen Metropole im Süden Vietnams verabschieden.


Morgen verlassen wir die Stadt und fahren ins Mekong-Delta. Obwohl mehrtägige Bustouren oft anstrengend und nicht sehr individuell sind, haben wir eine Dreitagestour ins Delta bei einer Reiseagentur gebucht. Es ist die mit Abstand günstigste Option die Mündung des Mekongs zu besichtigen. Und mit nicht allzu hohen Erwartungen kann so eine Tour ja ganz interessant werden. Hoffen wir bloß, dass wir nicht den Reiseführer von den Cu Chi-Tunneln bekommen.

Fazit Tage 75, 76 und 77:

Kann mal bitte jemand den Fön ausstellen?!

Was haben wir heute gelernt: Ho-Chi-Minh-Stadt ist seit 1975 die offizielle Bezeichnung für den gesamten Großraum Saigons. Sie hat 17 Distrikte, wobei Distrikt 1 die Innenstadt umfasst und offiziell weiter den Namen Saigon trägt. Daher rührt wohl auch der Umstand, dass man heute noch regelmäßig auf beide Namen trifft.



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