Samstag, 5. Januar 2013

Agra zum Ranthambhore National Park

Der Wecker klingelte um 06:00. Frühaufstehen für die Besichtigung des Taj Mahal. Ein Blick aus dem Fenster bestätigt unsere Befürchtungen: überall dichter Nebel.

Wir frühstücken die obligatorischen Toasts mit Marmelade (hier eher ein Marmeladensandwich: drei Toasts übereinander), trinken eine Flüssigkeit, die Coffee heißt, dunkel aussieht und wie gezuckertes Wasser schmeckt, und gehen durch die Dunkelheit zum Ticket Office. Wir sind dank der Infos der Reiseführer und unseres Fahrers vorbereitet: Ticketpreis ist bekannt, fragen ob das Stativ erlaubt ist, nach der gratis Wasserflasche pro Ticket bitten und die Plastiküberzieher für die Schuhe nicht vergessen. Danach vor das Ticketoffice und auf den öffentlichen Bus warten, der einen für nur 5 INR (indische Rupien) zum Taj Mahal fährt. Einziger Haken an der Sache: Wir wissen nicht wie der Bus aussieht. Selbstverständlich warten schon mehrere Rikscha Fahrer auf uns, die uns erzählen, dass der Bus ausfällt, dass der Bus unfassbar teuer ist, dass der Bus unfassbar überfüllt ist und überhaupt viel zu lange braucht. Aus der nebligen Morgendunkelheit tauchen auch einige Fahrzeuge auf, die uns mitnehmen wollen. Man muss Vertrauen haben und warten. Und tatsächlich erscheint unser Bus mit Fahrer, der eigentlich gar kein Geld haben will, dem wir aber (auch als Dank für die Unaufdringlichkeit) nach Ankunft trotzdem die 10 INR geben.

Der Taj Mahal ist Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Seiner perfekten symmetrischen Form hat er zu verdanken, dass ihn einige Leute als schönstes Bauwerk der Welt bezeichnen. Er ist jedenfalls ein sehr gutes und schönes Beispiel für die islamische Baukunst im Mogulzeitalter. Der Taj Mahal ist eine Grabmoschee, die Großmogul Shah Jahan aus Trauer über den Tod seiner dritten Frau Mumtaz Mahal, die bei der Geburt ihres 14. Kindes starb, errichtete. Baubeginn war 1631. Shah Jahan wurde nach seinem Tod neben seiner Frau im Taj begraben. Es sollen 20.000 Arbeiter aus Indien, Zentralasien und Europa an dem Bauwerk gearbeitet und dabei wertvolle Edelsteine in die marmorne Grundkonstruktion eingefügt haben. Interessant: Die vier Minarette sind leicht vom Gebäude weggeneigt gebaut wurden, so dass sie im Fall eines Erdbebens den Taj Mahal nicht zerstören würden.


Unsere Einschätzung: Es ist tatsächlich ein beeindruckendes, großes und schönes Gebäude. Faszinierend sind die Menge an verbautem Marmor und die unendlich vielen kleinen Verzierungen. Wahrscheinlich zu Recht sagte ein Inder, den wir später auf der Reise trafen, „it is the pride of India“. Ob es das schönste Gebäude der Welt ist, darüber lässt sich streiten. Leider können wir euch nicht so richtig zeigen, was genau wir gesehen haben, da der Nebel tatsächlich kein richtiges Foto zuließ. Der Taj steht direkt am Ufer des Flusses Yamuna und ist im Winter regelmäßig in dicke Nebelschwaden gehüllt. Ihr müsst euch also auf unsere Beschreibungen verlassen oder in diesem Foto nach dem Taj Mahal suchen :)


Für alle, die ihn nicht gefunden haben: hier noch ein Beweis, dass wir wirklich dort waren (Aufgrund der mangelhaften Qualität schweren Herzens von unserer Fotografin zur Verfügung gestellt...).



Nach dem wir im Hotel ausgecheckt haben, machten wir uns auf den Weg in den Süden zu unserem nächsten Ziel: den Ranthambhore National Park bei Sawai Madhopur, berühmt durch seine Tigersafaris.

Doch vorher machten wir noch in der Nähe von Agra in der Ruinenstadt Fatehpur Sikri halt. Diese ehemalige Stadt war für eine kurze Zeit die Hauptstadt des Reichs von Großmogul Akbar. Akbar besuchte die Stadt Sikri, um den Sufi Heiligen Shaikh Salim Chishti aufzusuchen, der ihm die Geburt eines Thronnachfahren prophezeite. Als die Prophezeiung Realität wurde, baute Akbar als Dank seine neue Hauptstadt in Sikri. Sie beinhaltete u. a. drei Paläste, je einer für seine Lieblingsfrauen: eine Hindu, eine Muslimin und eine Christin. Nach Akbars Tod wurde die Stadt allerdings schnell verlassen, da sie in einem sehr wasserarmen Gebiet gebaut wurde.



Auch bei diesen Bildern lässt sich schnell das Thema des Tages erkennen: Nebel. Aber diesmal passten die Schwaden in das Bild einer Geisterstadt.


Zu erwähnen: hier sind uns erschreckenderweise zum ersten Mal aggressiv bettelnde Kinder begegnet. Es bleibt unklar, ob das ihnen gegebene Geld wirklich bei ihnen bleibt oder an Hintermänner weitergegeben wird.

Im Laufe der Weiterfahrt verschwand langsam der dichte Nebel und die Sonne machte sich bemerkbar. Wir verließen (endlich) Agra und gelangten in deutlich ländliche Regionen. Dabei überquerten wir endlich die Grenze des Bundesstaats, den wir für die restliche Zeit hier bereisen werden: Rajasthan, „Land der Könige“. Dazu aber später mehr.


Einerseits tut es gut aus den Städten zu kommen und eine Landschaft zu sehen, die sehr schön ist. Viele Felder, erstaunlich viele Rapsanbaugebiete und grüne Hügel. Andererseits zeigt sich: der Verkehr ist auf dem Land noch verrückter (das bestätigt uns auch Raj). Auf einer einzigen kleinen Asphaltspur ist es durchaus üblich mit seinem Pkw einen Laster unter ständigem Gehupe zu überholen, während gleichzeitig der entgegenkommende Rikscha-Fahrer eine Lücke finden muss. Auch auf die Gefahr hin, dass wir uns bei der Schilderung des Verkehrs wiederholen und etwaige Leser langweiligen, aber dieser Verkehr verdient einfach eine eindringliche Schilderung.


Was sich ebenfalls zeigt: die mitunter bittere Armut und die einfachsten Lebensverhältnisse auf dem Land. Wovon bereits die Städte schon zeugen, wird auf dem Land fortgeführt: Lebensmittel werden einen Schritt neben Müllbergen verkauft, in denen Kühe und unzählige abgemagerte Hunde nach Essbarem wühlen, während ein Schritt weiter Kinder im Dreck spielen und daneben Traktoren repariert werden oder die Ärmsten unter den Armen in Zelten wohnen oder sich gerade waschen. Man ist mitgenommen und denkt sich gleichzeitig, wie es in den Slums der Großstädte erst aussehen muss.


Kurz vor Sonnenuntergang kommen wir vor den Toren des Ranthambhore National Parks an. Er ist nicht nur eine beliebte Attraktion für ausländische Touristen, auch viele Inder reisen regelmäßig hierher, um die freilebenden Tiere und die Natur zu erleben. Den meisten geht es natürlich darum einen der wenigen Tiger zu sehen. Wir buchen eine Safari für den frühen Morgen und sind aber vorgewarnt, dass es durchaus Glückssache ist einen Tiger zu Gesicht zu bekommen.

Fazit Tag 3:

Die nordindischen Winter sind neblig.

Was haben wir heute gelernt? Die größte Demokratie der Welt fusst auf einem Kastensystem. Das heißt, dass alle Inder unveränderlich in eine bestimmte gesellschaftliche Schicht geboren werden. Die indische Gesellschaft ist in vier Kasten eingeteilt: Die erste Klasse sind die „Brahmanen“, traditionell die intellektuelle Elite und die Priester. Die zweite Klasse sind die „Kshatriyas“, die Krieger, Fürsten und höheren Beamten. Die dritte Klasse sind die „Vaishyas“, die „Businesspeople“ laut unserem Fahrer. Und die vierte Klasse sind die „Shudras“, die lower class, einfache Arbeiter und Tagelöhner. Die traditionellen Berufe werden heute natürlich nicht mehr unbedingt ausgeübt, die Einteilung ist aber geblieben. Sie spielt insbesondere bei Heirat (nur in derselben Kaste) und Arbeit eine Rolle. Raj sagt uns, dass er bereits am Namen erkennen kann, wer welcher Kaste angehört. Gleichzeitig erklärt er aber auch, dass die Regierung seit einigen Jahren eine absolute Gleichheit der Bürger vorgeschrieben hat. Theoretisch kann wohl jeder jeden Beruf ausüben. Die Kaste sagt wohl auch nicht viel über den Wohlstand einer Person aus. Praktisch scheint uns das allerdings nicht der Fall zu sein; wie in jeder Gesellschaft spielen die traditionellen und jahrelang praktizierten Institute eine gewichtige Rolle. Vielleicht ist Raj auch zu höflich, um eine andere Aussage zu treffen. Er sagt, er gehöre in die Kaste der „Shudras“.

1 Kommentar:

  1. In diesem Stil bitte weitermachen. Es kommt bei uns supper an. Jeden Abend eine Gutenachtgeschichte :))

    Sehr schöne Mitzieher!!!

    Gruß

    Viktor

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